Der Popel

16. Nov. 2025 Philip Demole Lortz 2 Min. Lesezeit

Der Blick ist starr auf die Ampel gerichtet, jederzeit bereit loszurennen und die andere Seite „SPARTA” schreiend zu erstürmen. Manchmal überkommt es mich in solchen Situationen und ich zittere mit den Füßen, kurz davor die nächstbeste Taube wegzutreten, einfach nur, weil ich von diesem blöden roten Licht der Ampel festgehalten werde. Pure Unterdrückung!

Plötzlich bemerke ich einen Typen links neben mir stehen, der wohl überflüssiger Weise mit mir zu reden scheint. Die 70€ für neue Kopfhörer haben sich jedoch gelohnt, denn ich verstehe kein Wort. Dann muss ich jetzt wohl wirklich mit diesem Kasper reden - was er wohl von mir will? Vielleicht ja, woher ich meine großartigen Kopfhörer habe. Ich wende mich ihm deswegen ein wenig zu und mustere sein Auftreten. Eigentlich ein gepflegtes Äußeres. Er fängt direkt wieder an zu schnattern, noch bevor ich überhaupt die Gelegenheit dazu besitze, meine Kopfhörer herauszunehmen. Gerade als ich dies tun will, weil ich ihn nicht nochmal auffordern möchte, seinen Satz zu wiederholen, bemerke ich etwas an ihm.

Aus seinem rechten Nasenloch schreit mich ein riesiger Popel an. Ein großer, schleimiger, ekliger, wirklich widerwärtiger Klumpen Unrat. Ist ihm das etwa noch nicht aufgefallen? Wie soll das möglich sein? Mit so einem Ding fällt doch das Atmen schwer! Sein ganzes gepflegtes Erscheinungsbild zerbricht binnen Sekunden. Ein Scherbenhaufen aus Popeln. Ein Popelhaufen. Das ist auch das, was er zu sein scheint – nichts weiter als ein grässlicher, schmalziger Popel. Ich starre das Unding an, während er bereits dabei ist, seinen Satz zu wiederholen. Es ist mir unmöglich, ihm zuzuhören. Der Popel hat mich ganz in seinem Bann und erste Schweißtropfen kullern langsam meine Schläfe hinab, welche ich mit meinen zitternden Händen verunsichert versuche wegzuwischen.

Ich bemerke, wie er mich immer irritierter anschaut, doch ich kann nicht anders, als auf seine missratene Nasengeburt zu schielen. Ohnmacht umklammert mich, wie Prüfungsangst fünf Minuten vor der Klausur. Ich kann ihn doch nicht wirklich auffordern, jetzt ein drittes Mal seinen Satz zu wiederholen. Das ist viel zu unangenehm. So unangenehm, dass sich die Ohnmacht langsam in Panik verwandelt, welche mich dazu bringt, hektisch nach links und rechts zu schauen und den besten Fluchtweg auszumachen.

Dann, wie von Gott herbeigerufen, springt die Fußgängerampel auf Grün und ich gehe extrem zügigen Schrittes in Richtung Straße. Eigentlich hechte ich eher über die Straße, sprinte, flüchte im Zickzack, wie ein Hase, der von einem hungrigen Fuchs gejagt wird. Haken schlagend renne ich davon. Nicht mehr umdrehen, ihm bloß nicht nochmal in die Augen schauen und auf gar keinen Fall nochmal der Magie seines riesigen Popels verfallen. Auf der anderen Seite angekommen, bin ich ganz außer Atem, aber ich habe es geschafft. Stolz, mit immer noch wackeligen Knien, schaue ich nach vorn.

Heute nicht lieber Popel, heute kriegst du mich nicht!