Diagnose Tod
Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn man zum Arzt muss. Noch schrecklicher wird es, wenn schlechte Neuigkeiten dort auf einen warten. So oder so, die Fahrt zur Praxis ist ein Spiegelbild des eigenen versauten Lebens. Hätte ich doch damals mehr Sport getrieben, mich gesünder ernährt, den Bürostuhl gegen eine Strandbar getauscht.
Dort, wo es hingeht, gibt es keinen Strand. Auch keine Bar, die man in solchen Fällen eigentlich am allermeisten benötigt. Kein Bier, sondern Hiobsbotschaften warten auf einen. Sargnägel zum Mitnehmen. Das klinisch saubere, nach Desinfektionsmittel stinkende Grab wartet auf mich. Wartet, bis ich eintrete und mir das finale Todesurteil auf einem leicht zerknitterten, grau-grünen Wisch überreicht. Mit dem Rezept in der Hand schlägt man danach die Tür der Apotheke auf und knallt der verdutzten Pharmazeutin das Ding nur so um die Ohren. Freundlich, aber bestimmt. Schnell muss es gehen. Einmal alles, ohne Fragen. Bitte, danke, tschüss. Heilung zum Mitnehmen. Gesundheit. Friede, Freude, Eierkuchen.
Der Weg zur Praxis ist jedoch eine Offenbarung. Wenn ich aus diesem Höllenloch lebend wieder herauskomme, dann ändert sich aber einiges! Muss ja! Während man kurz vor der Tür steht, das letzte Mal den Vögeln lauscht und die verdreckte Stadtluft tief in seine Kapillaren einsaugt, wird einem erst die Endgültigkeit dieser allerletzten Aktionen bewusst. Wie man sein Leben verplempert hat! Drinnen wartet die viel zu freundliche Empfangsdame mit einem breiten Grinsen. Sie grinst, weil sie auf der richtigen Seite sitzt und nicht ihr sicheres Todesurteil empfangen muss. Sie empfängt nur mich, das noch lebendige Wrack. Ab in den Warteraum, wo die anderen wandelnden Toten die Tür zum gleißend hellen Licht behüten. Alle fünf Minuten öffnet sich das Höllentor und eine der Leichen übertritt die Schwelle, gleitet hinein in die Unendlichkeit – und wird vermutlich nicht wieder herauskommen. Je länger sich dieses Absterben, der Genozid der Alten, Schwachen und Kranken so hinzieht, desto mehr ersehnt man sich ein rasches Ende.
Dann ist man selbst dran: Die Tür öffnet sich, die Göttin im Kittel steht vor mir, das Klemmbrett der Zehn-Gebote fest unter dem Arm. Das war es also, au revoir schönes Leben! Während man Platz nimmt und diese heilige Figur skeptisch musternd vor einem steht, möchte man ihr am Liebsten ans Bein springen und heulend, schreiend um Vergebung betteln. Ich war unartig! Bitte heilen sie mich! HILFE!! Tausende Tränen nehmen mir die Sicht und mein schwereloser Körper wartet nur darauf mit der finalen Diagnose des obersten Gerichts zerschmettert zu werden.
Doktorin Gott rückt ihre Brille zurecht, hebt mahnend den Zeigefinger in die Höhe, bereit mir die Hölle auf Erden zu liefern, und nuschelt ihr Schreckensurteil über mich:
„Die Diagnose lautet: „Sie haben Durchfall”.”