Die Katze
Mietz, Mietz! Tzz, tzzz, tzz. Na komm her, du Schmusi. Kleines DuckiSchnuckiMuckiZuckiTucki süß-süß.
So in etwa läuft das „Gespräch” der herrenlosen Katze neben unserer Haustür und mir ab. Es hört sich romantisch an, irgendwie niedlich. Eine fremde Katze als Freund. Doch ist es bislang eine rein einseitige Beziehung. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeilaufe, und das ist mehrmals am Tag, gerate ich in eine Situation, welche man sonst nur aus schlechten College-Filmen kennt:
Ich, ein pickeliger Ginger, schleicht mit seinen zehn Büchern den Flur entlang. Die dicke Hornbrille wackelt bei jedem Schniefen, das durch eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung alltäglich geworden ist. Ein im widerwärtigen Schulsystem verlorengegangener Streber, Loser, Taugenichts. Der einzige Traum, der den schlimmen Schulalltag voller Mobbing und Kopf-ins-Klo-Gestecke vergessen lässt, ist, mit Mary Thompson zum Prom zu gehen. Oder wenigstens mit ihr zu reden. Oder wenigstens nur ein einziges Mal aus Versehen im Vorbeigehen ihren Arm zu streifen. Zu spüren, wie es sich anfühlt, die Wärme.
Doch Mary Thompson interessiert sich ‘n Scheißdreck für jemanden wie mich. Ich, der nichts zu bieten hat und wahrscheinlich sonst auch keine Gemeinsamkeiten mit ihr hat, außer, dass die Gnade des lieben Herrn, der pure Zufall, uns jeden Tag in demselben Schulflur erscheinen lässt.
Das eine Mal ist es fast geschehen: ich war für Mathematik II spät dran und hetzte den tristen Flur entlang. Das Anmeldeformular für den Schachclub fiel fast aus meiner Mappe, die Brille drohte, in bedrohlicher Geschwindigkeit von meiner Nase zu rutschen und mein Schnürsenkel der braunen Lacklederschuhe war offen. Als ich in meiner Panik hochschaute, stand sie plötzlich vor mir. Mary Thompson. Ich schaffte es gerade so, circa zehn Centimeter vor ihr zum Stehen zu kommen. Sie drehte sich um und schaute mich mit ihrer atemberaubenden Schönheit an. Ich sah jedes einzelne Haar wie einen engelsgleichen Flügel locker, lässig, elegant im Wind wehen. Das Himmelblau ihrer kristallklaren Augen umhüllte mich wie eine kuschelige, warme Wolke. Dieses Gefühl, welches sicherlich nur circa drei Sekunden andauerte und gewiss mit dem ersten Kick von Heroin vergleichbar ist – warum sonst sollte ich von ihr abhängig sein – hörte plötzlich auf, als sie ihren Mund öffnete: „MIAAAUUU!!!”
Dazu fletschte sie ihre spitzen Zähne, die dunklen Nackenhaare sträubten sich und ihre Augen, welche eben noch wie die hellsten Diamanten im Sonnenlicht schienen, verformten sich in bedrohlicher Art und Weise. Es war ein klares Kommando: Steve Mc Michaels, du niete, geh’ mir sofort (und für immer) aus dem Weg! Ich senkte den Kopf und gehorchte.
Ich kann nicht abwägen, wie oft ich sie nach diesem Vorfall gesehen habe. Wie oft ich mir vorgestellt habe, oder vorstellen musste, wie ich ihr durch das glänzende Fell fahre, sie ein wenig hinter den Ohren streichle und nach dem dritten Mal schmusen und ein, zwei Köstlichkeiten aus dem Pet-Shop zu mir nach Hause einlade. Wie sie neben mir am Kamin liegt, sich grazil streckt, lang gähnt und sich dann langsam an mein Bein schmiegt, damit ich sie ein wenig tätschle. Es könnte so schön sein.
Doch sie ist Mary Thompson. Und ich bin Steve Mc Michaels. Atmen ohne Luft, Schatten ohne Licht. Es ist nicht möglich. Es wird nie möglich sein. So werde ich für allezeit an ihr vorbeilaufen und träumen und eine sehr, sehr schwere Träne verdrücken müssen. Nur sie, sie, die in ihrer unnahbaren Eleganz scheinbar alles zu besitzen scheint, wird nie wissen, was ich für sie empfinde.