Mein Nachbar, Herr Winter

9. Feb. Philip Demole Lortz 12 Min. Lesezeit

Obwohl jedes äußere Licht von den beiden Rollläden abgefangen wird und es stockdunkel im Zimmer ist, merke ich, dass es schneit. Eventuell ist es das leise Rieseln der Schneeflocken, welche beim Kontakt mit den verwelkten, braunen Blättern auf dem Boden so ein befriedigendes leichtes Rauschen erzeugen. Eventuell ist es aber, ganz vielleicht, das Schaben der Schneeschaufel, die über, oder anscheinend in, den Hinterhofsbeton gedrückt wird. Alle fünf Sekunden wird das beruhigende Rauschen der Schneeflocken nun also vom unentwegten Ratschen unterbrochen, sodass ich im Bett wie eine Katze zum Klicken des Metronoms zusammenzucke. Müde schaue ich auf den Wecker: 4:14 Uhr. Herr Winter. Es muss Herr Winter sein. Aus diesem Wohnhaus kenne ich die anderen bereits und weiß, wie die drauf sind. Sichergehen kann ich jetzt aber auch nicht, weil ich dann ja meine Rollläden hochziehen müsste und das würde genauso ächzende Geräusche von sich geben, wie dieser alte Greis mit seiner Schneeschaufel. Und wenn ich es doch täte, nur um meine billige Neugierde zu befriedigen, würden wir uns wohl verwundert in die Augen schauen, vielleicht schnell verwirrt wegsehen und als Resultat wäre unsere Beziehung garantiert dahin. Insbesondere würde er dann denken, dass ich mich beschweren wollte. Leider kann er nicht erahnen, dass ich doch nur wissen wollte, ob es nun WIRKLICH ER ist. Selbst wenn ich ihm dann mal im Flur begegnen sollte, auch, wenn ich das für extrem unwahrscheinlich halte, wie soll ich die Situation sinnvoll erklären, sodass es nicht extrem merkwürdig wird? „Entschuldigen Sie, Herr Winter, dass ich letztens nachts meine Rollläden hochgezogen habe. Ich wollte nicht in ihr Krachorchester einsteigen, sondern wirklich nur gucken, ob SIE das sind.” Klingt sinnbefreit. Es würde also eh in einer Katastrophe enden und so habe ich mir unsere erste Bekanntschaft nun wirklich nicht vorgestellt. Eine schlechte Nachbarschaftsbeziehung kann ich mir absolut nicht leisten. Die logische Schlussfolgerung ist somit einfach liegenzubleiben und, naja, zu warten, bis Herr Winter fertig Schnee geschippt hat.

Herr Winter, oder gemäß Klingelschild J. Winter, ist mein Nachbar, der direkt über mir wohnt. Seit meinem Einzug vor drei Monaten habe ich ihn noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Verwaltung sagte mir nur, dass ich mich nicht wundern solle, wenn ich nachts draußen im Hof Geräusche höre, das sei Herr Winter. Darauf wurde gelacht. Bislang fand ich aber noch nichts, was Herr Winter gemacht hat, zum Lachen. Dazu zählt Schneeschieben um 4:14 Uhr ebenso nicht. Und so läuft unsere intime Beziehung bislang. Herr Winter macht Krach und ich bin machtlos.

Wer jetzt mutmaßt, dass das ein etwas überzogenes Statement sei, dem sei versichert, dass dieser Nachbar, dieser ganz spezielle, nachtaktive Nachbar, wirklich die beste Werbung für Ohrstöpsel ist. Der reine Gedankengang lässt meinen Puls in die Höhe schnellen und ich erschrecke, denn diesmal wollte ich es mir mit keinem Nachbarn verscherzen, schließlich war das der Grund für meine letzte Kündigung. Wohlgemerkt, dass meine alten Nachbarn aber durchgehend ohrenbetäubenden Lärm von sich gegeben haben, baustellenesque. Zum Verzweifeln! So ergebe ich mich also, zu meinem Wohle, zum Wohle meiner Möbel und zum Wohle der Möbelpacker, die schon aus dem letzten Loch pfiffen, als sie meinen schweren Mahagonischrank hochschleppen mussten. Zum Wohle aller gebe ich mich schlaflosen Nächten hin und lausche meinem ganz persönlichen, menschgewordenen Tinnitus.

Und auch beim nächsten nächtlichen akustischen Aufeinandertreffen muss ich meine innere Ruhe, die ich mir als Erwachsener mit steigendem Alter und hart erkämpfter Lebenserfahrung angeeignet habe, walten lassen, um nicht meinen gedanklichen Zen-Garten im Nachbarschaftsstreit vollkommen zu verwüsten. Aber so wie es scheint, verwüstet er über mir seinen physischen Zen-Garten. Es poltert unentwegt, wird dann ab und zu von kurzer Stille unterbrochen, nur um gleich wieder mit dem nächsten gewaltvollen Crescendo zu kontern. Irgendwas muss doch da umfallen? Ein Stuhl oder sogar ein Schrank? Etwa abwechselnd? Stellt Herr Winter dann immer wieder den Stuhl und den Schrank im Akkord auf, drapiert sie fein säuberlich an ihren ursprünglichen Platz, damit er sie in seiner stümperhaften Art wieder umwerfen kann? Meine Gedanken werden vom Klirren mehrerer Flaschen unterbrochen. Sicherlich sind da auch ein, zwei fragile Glasflaschen kaputtgegangen. Ist Herr Winter Trinker? Das würde seine nächtlichen Ausflüge erklären und sein Gepolter, aber mir wurde ja seitens der Verwaltung versichert, dass alle Nachbarn in Ordnung seien. Vielleicht wissen die auch nichts davon. Und all die anderen Nachbarn ebenso nicht. Ach Quatsch! Herr Winter ist kein Trinker, so habe ich mir ihn auch nicht vorgestellt. Eher nobel, belesen. Und wenn er trinkt, dann nur für den Genuss. Kein armer Irrer, der pedantisch seine Nachbarn wachhält und nachtaktiv umherläuft, weil das Leben tagsüber ihm nichts mehr geben kann. Nein, das ist nicht mein Herr Winter.

Trotzdem frustriert mich die Einseitigkeit dieses Streits komplett. Herr Winter weiß ja gar nichts von seinem Glück, dass er momentan in einer Ecke des Boxrings steht, ich leicht taumelnd in der anderen, aber gewiss nicht bereit aufzugeben bin. Ich könnte gleich einfach hochgehen, an die Tür klopfen und den Gong für die nächste Runde schlagen, aber wir alle wissen, dass das nicht passieren wird. Jetzt, wo er dort oben wie ein aufgebrachter Keiler wütet, seine Wohnung in Schutt und Asche legt, gerate ich doch nicht in sein Kreuzfeuer. Sich nachts vorzustellen, und dann auch noch mit so einem Anliegen, ist furchtbar pietätlos. Da bin ich mir schlicht zu fein für. Ein weiterer Meteoriteneinschlag trifft meine Zimmerdecke, sodass ein bisschen Staub herunterrieselt. Ich finde es bemerkenswert, dass ihm, trotz seines eventuellen beachtlichen Intellekts, nicht bewusst ist, wie lärmend er ist. Man könnte fast sagen NERVIG. Oder, und da trifft es mich wie einen Schlag, es interessiert ihn überhaupt nicht! Oder noch schlimmer: Er macht es mit Absicht! Dann müsste ich jetzt als Konsequenz umgehend die Polizei rufen und das habe ich wirklich noch bei KEINEM Nachbarn getan, egal wie laut die waren. Das wäre die allerhöchste Frechheit, wenn Herr Winter sich sowas erdreisten würde. Ist das denn tatsächlich die Möglichkeit?

Ich atme lange aus, schaue an die Zimmerdecke und lausche den Schritten, dem Getrampel, welches sich durch seine ganze Wohnung zieht. „Zum Wohle aller, zum Wohle aller”, flüstere ich, während ich meine Ohrstöpsel weiter in die Gehörgänge drücke.

Am nächsten Morgen kreisen sich meine Gedanken um Herrn Winter, den Lärm und unsere merkwürdige Beziehung und lasse alles nochmal Revue passieren. Bei meinem Einzug klingelte ich alle Parteien des Mietshauses ab. Herr Winter öffnete allerdings nicht die Tür. Bei meinem zweiten Versuch, ein paar Wochen später, öffnete wieder niemand. So habe ich das erstmal verstreichen lassen, schließlich dachte ich damals noch, unverblümt wie ich war, dass ich ihn eventuell mal auf dem Flur treffen würde. Wie jeden anderen meiner Nachbarn auch. Ich konnte ja nicht ahnen, welche gewaltvollen Ausmaße das annehmen würde. Ich fantasierte schon über Herrn Winter und mich im Boxring, meine Güte! Voller Willenskraft hieve ich meinen übermüdeten Körper aus dem Bett, ziehe meinen karierten Morgenmantel und die dazugehörigen Pantoffeln an, rausche zur Haustür, drücke die Klinke hinunter und…halte inne. Soll ich es wirklich wagen? Ich schaue vorsichtig zwischen den Geländern in das Geschoss über mir. Die nächste Option wäre doch der Umzug - ich habe gar keine andere Wahl!

Schnurstracks husche ich die Treppen hoch, die Haustür von Herrn Winter fest anvisiert. Ein kurzes Räuspern, das meine Nervosität kaschieren soll. Dann klopfe ich an. Kurzes Warten, dann klopfe ich nochmal. Nichts. Es ist mucksmäuschenstill. Kein Klirren, kein Poltern, kein einziges Geräusch. Ernüchtert schaue ich zur Seite, wo mich die Sonnenstrahlen durch die 60er-Jahre-Glasbausteine blenden. Natürlich, es ist helllichter Tag. Was habe ich mir auch nur dabei gedacht? Die letzten Klingelversuche fanden ebenso bei Sonnenschein statt. Tagsüber hält Herr Winter nämlich Winterschlaf, wie passend, oder streift irgendwo anders umher oder ist tot und erwacht dann zur Abendstunde wie ein Vampir oder wie einer der miserablen Schauspieler in Michael Jacksons Thriller. Fast schon beschämt auf Grund der Tatsache, dass ich mich jetzt wirklich TAGSÜBER vorstellen wollte, krieche ich in meine Wohnung zurück.

Dort angekommen trinke ich meinen Kaffee und, zur Beruhigung meines Magens, der durch den starken Kaffee ganz aufgewühlt ist, noch einen Kamillentee hinterher. Während ich die Zeitung studiere, sehe ich in der Wettervorhersage, dass es in zwei Tagen wieder schneien soll. Natürlich! Das ist es! Wenn es schneit, wird Herr Winter doch mit garantierter Sicherheit wieder nachts schneeschieben. Ich könnte die Rollläden einen Spalt weit offenlassen, überprüfen, ob er es ist und ihm dann draußen rein zufällig begegnen. In dem klärenden Gespräch werden alle Wogen geglättet und vielleicht schippe ich daraufhin mit ihm sogar den Schnee. Voller Freude über diesen brillanten Plan kichere ich ein wenig. Das ist es - schön!

Die Zeit bis zum Tag der Tage vergeht langsam. Ich grüble bei mittelschweren Kreuzworträtseln, unternehme ausgiebige Spaziergänge, erforsche neue Routen durch den angrenzenden Wald und beobachte die spielenden Katzen, während ich es mir auf einer Parkbank gemütlich mache. Däumchen drehend nähert sich die Nacht. So gemächlich, wie die Zeit vorüberging, rieselt auch der Schnee hinunter. Der Wetterbericht behielt also recht. Nun ist es also soweit, der Plan wird vollstreckt. Im Schlafzimmer lege ich meine Kleidung für das kurze nächtliche Rendezvous auf dem Hof bereit. Zum Glück hatte ich noch diese zwei Tage Pause, sodass ich meine benötigten Kleidungsstücke reinigen konnte. Der langen Überbrückungsphase sei Dank wusch und bügelte ich sogar meine Handschuhe und Mütze. Penibel achtete ich darauf, bloß keine Brandflecken oder ähnliches in die Kleidungsstücke zu befördern und wären mir noch ein paar Tage mehr geblieben, hätte ich jedes Stück einzeln gewaschen, um eventuelle Verfärbungen zu vermeiden, aber das schien mir dann doch übertrieben für so ein lockeres Aufeinandertreffen.

Am Fenster zieh ich an den Rollläden, richte sie aus, nehme etwas Abstand, schaue und begutachte. Der Spalt muss groß genug sein, damit ich etwas sehen kann und vielmehr, IHN erkennen kann, aber gleichzeitig nicht so groß, dass es auffällig ist. Wo kämen wir denn da hin, wenn er meine starren, auf ihn gerichteten Augen durch den Spalt feststellen könnte? Dilettantisch! Dann wäre, so wie ich es bereits vermutet habe, unsere Beziehung zerstört und der erneute Umzug so gut wie in Stein gemeißelt! Dementsprechend passe ich genauestens auf, dass dieser Fall eben nicht eintritt. Da ich mit der Innenseite zufrieden bin und der Spalt nun exakt 2,5 Zentimeter beträgt, evaluiere ich das ganze nochmal vom Hof aus, um sicherzugehen, dass es auch aus Herr Winters Position nicht allzu sehr hervorsticht. Voller Erleichterung stelle ich fest, dass das nicht der Fall ist. Ich schließe vorsichtig die Tür zum Hof, dann leise meine Haustür und atme händereibend kräftig aus, als wäre ich kurz davor einen entscheidenden Elfmeter zu schießen.

Diese Nacht liege ich wach im Bett. Ausnahmsweise ist das mal nicht Herr Winter geschuldet, wobei es ja irgendwie doch der Fall ist. Viele kleine Schneeflocken zischen an dem Spalt vorbei und der Gedanke, dass mein Nachbar gleich wohl rauskommen mag, lässt mich wie ein Kind voller Vorfreude auf den Weihnachtsmann unter meiner Bettdecke verweilen. Ich höre Schritte im Treppenhaus, die für seine Verhältnisse sogar relativ verhalten ausfallen, und die Hoftür fällt ins Schloss. Die knirschenden Geräusche vom Schnee zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Es ist soweit. Endlich.

Langsam pirsche ich zum Rollladen und blicke gespannt durch den Spalt. Zu meiner Ernüchterung muss ich allerdings feststellen, dass man nur die Silhouette von Herrn Winter erkennt. Natürlich habe ich die Begebenheiten ausschließlich am Tag getestet. Wie fahrlässig von mir! Am Tag, womit Herr Winter doch gar nichts zu tun hat. Ich komme mir dumm vor. All der Aufwand, das ständige Hin und Her und als finales Resultat DAS. Dann hätte ich es gleich sein lassen können, mir jegliche Sorgen und Mühen sparen und im Bett liegen bleiben können, die Ohrstöpsel bis zum Anschlag in die Ohren gepresst.

Meine selbstgerichtete Tirade wird von einem kindlichen Kichern unterbrochen und ich starre wieder hinaus in den Hof. Herr Winter liegt auf dem Boden, produziert einen Schneeengel und lacht dabei heiter vor sich hin. Zwischendurch pausiert er, streckt augenscheinlich, so vermute ich es gemäß meiner mir gegebenen Möglichkeiten jedenfalls, seine Zunge heraus, um damit Schneeflocken aufzufangen. Dann steht er mühsam auf und beginnt mit seiner alten, angerosteten Schneeschaufel zu schippen. Immer wieder unterbricht ein leises Kichern seine Arbeit.

Ich bin irritiert. Ist er etwa verrückt? Meine utopischen Vorstellungen von Herrn Winter, dem intellektuellen Genussmenschen, zerbrechen in tausend Stücke. Das ist alles so komisch, es kann doch irgendwas nicht stimmen! So langsam stelle ich unsere Beziehung in Frage. Wenn er nämlich verrückt sei, dann bringt dieser ganze Aufriss doch gar nichts. Er wird weiterhin nachts wach sein und auf unterschiedlichste Art und Weise Lärm fabrizieren und ich armer Wicht werde nachts wach liegen. Hilflos, machtlos vor mich hinkauern, hoffen, dass sich irgendwann auf magische Weise dieses kleine Problemchen von selbst behebt.

In diesem kurzen, unachtsamen Moment verliere ich den Halt in meiner vorgebeugten Position und touchiere leicht den Rollladen, welcher ein leichtes Knacken von sich gibt.

Oh Gott, Mayday, Mayday, Rückzug! Erschrocken weiche ich ein Stück nach hinten. Das muss er gehört haben. Voller Spannung halte ich den Atem an, draußen ist es still. Dann, nach etwa einer Minute, und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bislang noch nie in meinem Leben den Atem so lange angehalten habe, bewege ich mich langsam nach vorne, um durch den Spalt zu sehen. Der Hof ist leer. Es folgt das Knallen der Tür und ich betone knallen, weil es diesmal merklich lauter war als vorhin.

Da haben wir den Salat. „Ganz toll gemacht, du alter Bock”, denke ich mir. Jetzt bin ich der komische. Der, der allen Ernstes nachts wach bleibt, um fremde Menschen in feinster Stasi-Manier zu bespähen. Ich, der offenkundige Psycho.

Am nächsten Morgen bin ich nervöser als sonst. Da hilft auch der extrastarke Kaffee und der extraberuhigende Kamillentee nicht. Ich muss hoch und das klären, sonst stehe ich auf ewig schlecht da. Also Mantel an, Pantoffeln an, hochgezischt, angeklopft. Nichts. Natürlich nichts! Nichts, nichts und wieder nichts! Energisch klopfe ich nochmal an die Tür, drücke die Klingel durch, aber selbstverständlich öffnet niemand die Tür. NIEMAND! Wer auch? Herr Winter? Als wenn! Lachend laufe ich die Treppe hinunter, zurück in meine Wohnung und knalle die Tür hinter mir zu, sodass es durch das ganze Treppenhaus schallt. Dann eben nicht! Dann eben nicht, Herr Winter!

Leises Schluchzen über mir lässt mich aufwachen. Weint Herr Winter etwa? Ich bin verunsichert. Erneutes Schluchzen, Heulen und das Schniefen in Taschentücher. Ja, Herr Winter weint. Auch das noch. Dann haben wir das Geräusche-Bingo jetzt komplett. Weswegen weint er denn? Etwa meinetwegen? Deswegen weint man doch nicht, oder? Oder doch? Ich mein, das war schon etwas merkwürdig alles, mit der Situation im Hof. Und ja, ich habe vielleicht etwas forsch auf seine Tür eingehämmert, aber letzten Endes wollte ich mich doch nur bekannt machen. Das kann doch nicht der Grund sein. In meiner letzten Wohnung gab es eine ähnliche Situation. Ich klopfte und klingelte ebenfalls beim Nachbarn und die öffneten sogar und wir sprachen kurz miteinander, wie ganz normale Menschen. Auch, wenn diese Nachbarn danach weiterhin laut waren. Man kann doch wohl erwarten, dass einem die Tür geöffnet wird, nach Monaten in diesem Mietshaus?

Was soll ich denn jetzt schon machen? In dieser Situation ist es mal wieder unmöglich, zu klingeln. „Hallo Herr Winter, wir kennen uns zwar nicht, wobei ja schon ein wenig, aber ich bin aufgewacht, weil Sie so schrecklich heulen. Können sie bitte aufhören, ich würde gerne ohne ihr ständiges Geflenne schlafen können. Danke, Tschüss!”

Die erneute Misere lässt mir Kaltschweiß den Nacken herunterlaufen. Soll er doch heulen. Ich bleibe liegen. Wie immer.

Die Tage werden länger. Der Sonnenschein nimmt zu, der Schnee ist verschwunden. Der Winter war schön, aber die Freude darüber, das elendige Schneeschippen von Herrn Winter nicht mehr ertragen zu müssen, ist sehr viel schöner. Allgemein ist es ziemlich ruhig um ihn geworden. Habe ich ihn eingeschüchtert? Naja, so ist das halt in einem Mietshaus mit derart vielen Parteien, da kann nicht jeder auf seine Kosten kommen. Und so, wie es momentan in unserer Beziehung ist, gefällt mir das schon sehr viel besser. Leise. Natürlich überkommt es mich manchmal und ich würde gerne klingeln und fragen, ob Herr Winter nicht Lust auf eine kleine Partie Schach oder Backgammon hätte, oder ob er mir nicht eines seiner vielen Bücher ausleihen könnte, aber schlafende Riesen soll man ja bekanntlich nicht wecken und nachts zu spielen lockt mich nicht wirklich aus meinen ruhigen vier Wänden hervor. Ich schnaufe aus. Nachts, pah.

Nach Murphys Law kommt es jedoch, wie es kommen musste. Ich liege in genau der Nacht wach, in der ich mich über die neue, leise, Situation gefreut habe. Das gleiche Spiel nochmal, Herr Winter weint. Diesmal klingt es etwas leidiger, quälender. Und lauter. Schlafen ist unmöglich, da brauche ich gar nicht dran zu denken. Mich wundert das jetzt aber enorm. Welcher normale Erwachsene weint denn in dieser Regelmäßigkeit? Irgendwie tut mir Herr Winter leid, aber das Leben ist hart, das mussten wir alle schon feststellen. Ich habe unter seiner Schreckensherrschaft ebenfalls lange gelitten und ich weine mich auch nicht wie ein Schlosshund in den Schlaf. Wobei das vielleicht sogar die Lösung gewesen wäre, stelle ich süffisant fest. Nach einiger Zeit ist das Geheule endlich vorbei und beruhigende Stille kehrt ein. Sind ihm wohl die Tränen ausgegangen. Erleichtert richte ich nochmal das Kopfkissen, kuschel mich mit meiner gemütlichen Decke ein und schlummer langsam ein.

Morgens ohne Störgeräusche aufzuwachen, hat etwas Befreiendes. Keine Ohrstöpsel, die in den Gehörgängen drücken, keine Kaffee-Druckbetankung, die mich zwingt aufzuwachen. Ich spüre, wie mich endlich neue Energie durchfährt. Die irdischen Ketten abgelegt, gleite ich voller Tatendrang wie ein Engel aus meinem Wolkenreich. Was stelle ich mit dieser neugewonnenen Kraft an? Natürlich, der Wocheneinkauf steht an! Mir gefällt diese Aufgabe immer. Ich stöbere im Sortiment, erspähe Angebote und gönne mir hin und wieder sogar eine kleine Leckerei. Gelegentlich, wenn ich denn wirklich Zeit habe, schreibe ich mir die Sonderangebotspreise mit dem Datum auf, damit ich ein Schema ausmachen kann und somit beim nächsten Mal genau weiß, wann mein begehrtes Produkt wieder vergünstigt zu haben ist. Man muss nur wissen, wie. Auf dem Weg nach Hause präsentiere ich voller Stolz meine vollgepackte Einkaufstüte den neidischen Blicken meiner Mitbürger. Tja, wer kann, der kann.

An meinem Haus angekommen will ich die zweite Tür zum Seitenflügel öffnen, doch sie schwingt bereits energisch auf, sodass ich eher ausweichen muss. Ich erstarre. Mir kommen zwei Herren entgegen, die mit einer Trage einen schwarzen Leichensack wegtransportieren. Verzweifelt schaue ich einen der Männer an: „Herr Winter?”, frage ich zitternd, als wolle ich die Antwort darauf gar nicht hören. Er nickt langsam mit dem Kopf. Ein Moment, wie man ihn sonst nur aus melodramatischen Filmen kennt. In mir dreht sich alles, mein Tunnelblick starr auf den pechschwarzen Leichensack gerichtet. Tausende Gedanken schießen mir durch den Kopf, doch keiner scheint ansatzweise greifbar zu sein.

„Kennen sie ihn?” - „Ich bin sein Nachbar”, flüstere ich. „Kann ich ihn sehen?” frage ich noch hinterher, aber der Herr verneint, da ich kein Angehöriger bin. Ich lasse meine Einkaufstüte fallen und renne den beiden laut rufend hinterher. „Herr Winter! Herr Winter!” hallt es durch den Eingangsbereich. Ich greife nach dem Leichensack, um den Reißverschluss zu erwischen und noch einen letzten Blick auf ihn zu erhaschen, aber einer der Herren wehrt meinen Versuch gekonnt ab und ich sinke fassungslos an der Wand zu Boden. Nach einiger Zeit der bitterlichen Einsamkeit sammle ich meinen Einkauf zusammen und schleife mich in die Wohnung.

Heute Nacht ist es still. Keine Schneeflocken, die zärtlich auf den Boden rieseln, kein Rascheln der Blätter. Keine Schritte, kein Poltern. So gnadenlos still, dass ich mein eigenes Blut in den Ohren rauschen höre und meine Gedanken wie ein Neugeborenes quälend um Beachtung schreien. Ich blicke aus dem Fenster und sehe seine alte Metallschneeschaufel an der kleinen Hütte im Hof stehen.

Es tut mir leid, Herr Winter, dass ich nichts gesagt habe.