Paradies Dosenbier
Liebe ist subjektiv. Ebenso dieser an den Haaren herbeigezogene Begriff der „wahren Liebe”. Wie ist der Maßstab, was WAHR ist und was nicht. Für mich könnte es die Liebe zu meiner Freundin bedeuten, für den trostlosen Spritti auf dem grau, grauer, am grauesten Bahnhofsvorplatz kann es das fade Dosenbier sein. Es ist das Dosenbier.
„Knack!” schallt es über den Platz, verwunderte Omis schauen erschrocken in seine Richtung, weil sie in ihrer fortgeschrittenen Demenz schon wieder vergessen haben, dass der Typ dort jeden Tag sitzt, vegetiert, vergammelt, und sie aufgrund seines aggressiven, einarmigen Bieraufreißens wie jeden Tag ihr frisch erworbenes Feinbrot auf den Boden fallen lassen. Und mit jeder täglichen Öffnung des perspektivlosen Gesöffs entsteht eine gewisse gesellschaftliche Empörung über diesen Typen, den Alkoholiker, und das elendige Gesaufe, das Knacken des Dosenbieres und ja sowieso alles, was das perfekte Ambiente einer illusionierten Vorstadt-Realität zum Wackeln bringen könnte. Gescheiterte „Persönlichkeiten” können wir hier nicht besonders gut leiden.
Die Frauen, die bei ihrem zu erledigenden Wocheneinkauf an dieser Kreatur vorbei müssen, schauen geekelt weg. Dieser Herr hat es nicht verdient, angeschaut zu werden. Und wenn dieser Aussätzige dann doch mal einen Blick der Unerreichbaren kassiert, dann nur, um ihm die nicht von der Hand zu weisende Abscheu ins Gesicht zu prügeln. Blicke, die nicht nur sagen: „Wie kann man nur so abstürzen?!”, sondern auch implizieren, dass sein Dasein, sein Leben, seine pure Existenz genug, wenn nicht sogar viel zu viel Unerträgliches in die Wohlfühlaura des Platzes befördert. Schämen sollte er sich.
Die Kinderwagen schiebenden, Mittdreißiger-Väter fahren eine andere Schiene. Sie gucken, nein, sie glotzen, starren, wollen dem Mann Angst einjagen. Alphatier-Gehabe der allerfeinsten Sorte. Dieser Platz ist nicht groß genug für uns beide. Können Sie sich nicht mal zusammenreißen? Der arme, kleine Justus soll nicht sehen, dass man scheitern kann, dass es so etwas überhaupt gibt. Er kann sich doch auch zu Hause dicht machen, vernichten, am liebsten umbringen, dann muss man auch nicht mehr sein leidiges Elend auf dem Platz ertragen. Gleichzeitig ist es dieses Alphatier-Gehabe, vielleicht auch das simple: „Ich habe einen Penis”, das Mann und Mann dort in abstruser Weise verbindet.
Die Blicke beinhalten nicht nur Abscheu, Angst, Ekel und dergleichen, sondern ebenso viel Information. Denn wenn der generische 0815-Papa dort seinen 1000-€-Kinderwagen vorbeischiebt, der Blick auf die Dose fällt, dann auf das trostlose Gesicht, die traurigen, hängenden Augen und der Typ darauf mit einem eindringlichen Blick zurückschaut, wackeln die Knie des Papas und ihm schießt es in den Kopf, wie der goldene Saft in die vom Korsakow-Syndrom zersetzte Birne des Sprittis - die Frauen sind schuld! Sein Herz gebrochen. Erst die Frau, dann den Job verloren. Ausgerechnet auch noch den Job verloren! Das, was den Mann ja erst zur Teilhabe an der Gesellschaft bemächtigt. Der Passierschein A-38. Der Arbeitsvertrag als Beweis für das Funktionieren. Ich will, ich kann, ich bin dabei. Doch ohne Passierschein auch keine Besserung. Ohne Passierschein gibt’s auch keinen Sinn, nicht das Dosenbier als Frau zu nehmen. Rückhalt, Liebe, Sicherheit, Besserung – alles für 69 Cent, exklusive Pfand.
Und mit diesen Gedanken schleicht der Papa vorbei, starrt verwirrt auf seinen brabbelnden Justus, merkt, dass ja vielleicht alles von diesem Kind abhängt – was, wenn ich alles verliere? Das zusammengekloppte Gestell der Sicherheit, des gemütlichen, gutbürgerlichen Lebens fängt an, zu zittern, zu wackeln, der seidene Faden wird rissig.
So sitzt man dann später beim Abendbrot zusammen, der Vater und seine Frau schauen sich in die Augen, reden über den alten, verlorenen Trunkenbold da auf dem Platz, der, der den ganzen Tag nur säuft, und entschließen sich voller Zweifel und aus Angst vor dieser Bedrohung einstimmig darauf, diesen Abfall der Gesellschaft zu begraben, ihn aus der ach so reinen Gedankenwelt zu verbannen: „Der kann einem ja nur leidtun”.