Pfandi

28. Nov. 2025 Philip Demole Lortz 5 Min. Lesezeit

Der Bezug zu meinem Pfandhaufen, oder Pfandi, wie ich ihn nenne, ist schwierig. Er ist mittlerweile so groß geworden, dass ich nicht weiß, wie ich ihn loswerden soll. Einfach in den Müll schmeißen geht nicht, dafür bin ich zu pleite. Das sind bestimmt fast 15€, nein 20€, die da liegen und mich mit einem zerknitterten „erlöse mich endlich” verzweifelt anstarren. Und ich würde es ja und vielmehr, ich verspreche es hoch und heilig, hätte ich es auch schon längst getan, aber in dieser prekären Wohnsituation ist das halt alles nicht so einfach. Denn jedes Mal, wenn ich gewinnbringende, in meinem blickdichten Sack verstaute, Pfandflaschen abgegeben habe, war das ein Aufbäumen gegen hier geltende soziale Strukturen. Ein Klassenkampf. Ich fühlte mich, als wäre ich bereits vollwertiges Mitglied in der Bewegung 2. Juni, so sehr lehnte ich mich gegen das System auf.

Bei meinem Umzug hierher, in die fremdartigen Kreise der Besserverdienenden, ging ich noch vollkommen unverblümt mit einem großen, durchsichtigen Müllbeutel voller Plastikdublonen die fünfhundert Meter zum lokalen Supermarkt. Durchsichtig! Mein Gott, was war ich naiv! Raus auf den Gehweg und schon erntete ich die abfälligen Blicke der anderen. Die, die kein Pfand abgeben. Die, die es nicht nötig haben. Die römische Oberschicht. Götter der berlinerschen Mythologie. Eine ältere Frau stolperte fast über ihre Gehhilfe, als sie meinen Beutel sah. „Also wirklich” murmelte sie kopfschüttelnd, ehe sie weiterkroch. Für mich bedeutete das damals nicht so viel Verwirrung, wie man jetzt vielleicht denken mag. Es ist schließlich Berlin, abfällige Blicke kassiert man gerne mal und launisch angemault wird sowieso jeder. Keiner war sicher.

Hundert Meter weiter wurde ich aus meiner Trance gerissen, als ein Mann eine Dose auf den Gehweg warf. Ohne mit der Wimper zu zucken, einfach so! Und dabei sollte jedem aufrichtigen Pfandsammler bewusst sein, dass eine Dose mit ihrem beachtlichen Wert von fünfundzwanzig Cent und dem geringen Volumen und Gewicht eigentlich der heilige Gral des Geldverdienens bedeutet. Es wird eigentlich nur noch von diesen kleinen Smoothie-Flaschen getoppt, die ein noch geringeres Verpackungsvolumen aufweisen. Doch dieser Herr warf die Dose weg, wie eine benutzte Zigarette. Abfällig. Verachtend. Ich bückte mich und ein großer Schweißtropfen kullerte schwerfällig meine Schläfe hinab, worauf sie wie in Zeitlupe Richtung Boden fiel, sodass der gleißende Sonnenstrahl, welcher sich in dem Schweißtropfen reflektierte, kurz das zusammengezogene Gesicht des Mannes freigab und ich sehen konnte, wie er neben mir auf den Boden spuckte. Er ging weiter und ich hob die Dose auf. Also, das ist schon komisch, dachte ich mir. Nichtsahnend richtete ich mich auf und wischte mir kurzerhand über die Stirn, um nicht noch einmal merkwürdige Schweißperlen-Wahnvorstellungen sehen zu müssen. Vielleicht, so dachte ich mir, war es nämlich nicht mehr als eine Illusion. Ein Missverständnis. Der Herr sagte ja auch gar nichts und hätte er wirklich missfallen an mir und meiner, meinem Empfinden nach, noblen Tat gefunden, so hätte er sich doch sicherlich bemerkbar gemacht. Ein kleines Räuspern. Ein Hinweisen, dass das, was ich hier tue, in seiner Welt und in dem Gesellschaftskosmos dieser Nachbarschaft gar nicht gerne gesehen wird. Hat er aber nicht. So hievte ich also den Sack über meine Schultern und schleppte mich weiter in Richtung Pfandabgabestelle.

Wenig später kamen mir zwei Jungs…Männer…Jungs (?) entgegen. Ich zögerte, weil sie gerade so auf der Schwelle zum Erwachsenwerden waren. Keine Teenies, aber eben auch keine Männer. Gefangen zwischen Schule und Steuerklasse. Unsere Blicke kreuzten sich und ich musste verzweifelt mit ansehen, wie sich ihre Mimik von befreit und ausgelassen zu einer äußerst erzürnten verzog. In bester Schulhofmanier rempelte mich einer der beiden an, sodass mein Sack zu Boden fiel, einige Pfandflaschen herauskullerten und ein, zwei Glasflaschen zu Bruch gingen. Ich war erzürnt, aber es kann ja auch nur ein Versehen gewesen sein. Trotzdem vernahm ich ein grelles Lachen, was allerdings nicht von den Jungs kam, sondern von einem alten Mann, der im ersten Stock, Kippe rauchend auf seinem Balkon, das Spektakel miterlebt hatte. Unerhört! Gerade als ich hochschimpfen wollte, kam einer der beiden Jungs mir entgegen, hob eine Glasflasche auf, machte zwei Schritte in meine Richtung und hielt sie mir hin. Es scheint hier ja doch nicht alles verloren zu sein! Als ich jedoch zupacken wollte, zog der Junge zurück und schmiss die acht Cent hoch in die Luft. Die Flasche flog und flog, höher und höher, und meine zusammengekniffenen Augen verfolgten sie mit maximaler Intensität, um sie eventuell wie ein wahrer Jedi-Meister mit der Macht vor dem drohenden Schicksal des glasflaschentypischen 1.-Mai-Todes retten zu können. Allerdings hatte ich diese surreale Wunschvorstellung ohne den Herren im ersten Stock gemacht, denn dieser zückte aus dem Nichts einen Baseballschläger und mit einem Knall zerschmetterte er die Flasche, sodass sie in tausende Splitter zerbrach, die nun wie kleine Schneeflocken auf uns herabrieselten. „Homerun, Homerun!” rief er mit seiner krächzenden Raucherstimme. Eigentlich hatte er recht, denn es war durchaus ein wirklich beeindruckender Schlag. Das brachte mein Pfandglück aber auch nicht zurück und langsam fühlte ich mich in dieser Gegend wie ein Aussätziger, der im Schulflur in den Schrank gesperrt wird, wenn er sein Pausengeld nicht herausrückt. Die beiden Jungs lachten abfällig, winkten herablassend ab, drehten sich um und gingen los. Einer der beiden kickte noch eine weitere von meinen geliebten Flaschen weg und ich versuchte schnellstmöglich alle verbliebenen einzusammeln, damit die Scham der offensichtlichen Peinigung nicht noch größer wird. Das man sowas nochmal im Erwachsenenalter erleben muss!

Ein paar Meter weiter hatte ich es dann aber auch geschafft. Fast jedenfalls. Der Supermarkt erschien vor mir und öffnete seine gewaltigen Tore der Erlösung. Auf dem Weg zum Pfandautomat zerrte ich den Beutel nur noch wie eine Leiche in einem Sack hinter mir her. Restflüssigkeiten schmierten heraus und ergaben ein blutspurähnliches Bild, sodass jeder Kriminalkommissar auf Grund der sicheren Beweislage durchaus begeistert wäre. So gesehen ist das, was ich da an Flüssigkeit verlor, nichts anderes als das Blut, die Seele meiner Pfandflaschen. Ich, der Mörder. Der erbarmungslose Henker, der die halbtoten Körper ins Schlachthaus zerrt.

Plötzlich machte sich ein beißender Geruch in der Umgebung breit und als ich um das letzte Regal bog, sah ich das Tor zur Hölle. Der Pfandautomat.

Allerlei anderes Getier breitete sich bereits wie Schmeißfliegen um den Bankautomaten des kleinen Mannes aus. Es war ein widerliches Aufeinandertreffen merkwürdiger Gestalten. Ein riesiges schneckenartiges Ungetüm kramte aus seinen schleimigen Fettspalten eine Pfandflasche nach der anderen und bugsierte sie mit sabschigen Geräuschen in den allesfressenden Automaten, der sich wie ein Lehnsherr voller Lust im Sekundentakt zum Orgasmus piepste. Ich versuchte mich unauffällig dazuzustellen, doch ein schweratmender Eber grunzte mich aggressiv an, sodass ich mit dem Platz hinter ihm Vorlieb nehmen musste. Nachdem er mit seinen fletschenden Hauern an mir vorbeizog, war ich an der Reihe. Jetzt, da es soweit war, wurde ich fast ein wenig wehmütig. Traurig schaute ich meinen Leichensack an. Wie viel wir doch durchgemacht haben! Wir beide, die Außenseiter der Gesellschaft, durch dick und dünn. Doch ich musste es durchziehen, ich musste den Ring in den Vulkan werfen, um alles zu beenden. Die Peinigung, die Scham, den Ekel, die Gewalt. Nochmal würde ich das alles nicht durchstehen können. Und so schob ich unter Tränen die Pfandflaschen in den gierigen Automaten, so lange, bis mein Arm schon taub wurde und ich wechseln musste. Vollkommen außer Atem griff ich in den Sack, doch ertastete nur das leere, verklebte Innere. Das Werk war vollendet. Der Pfandbon erschien mit der belohnenden Summe von 18,52€ und ich ergriff ihn, wie ein kleiner Junge die Gratiswurst am Metzgerstand. Entkräftet sackte ich zusammen und schneckte durch die Reihen des belebten Supermarktes.

Auf dem Weg nach draußen erblickte ich in einem Regal nahe der Kasse etwas, von dem ich wusste, dass ich dafür definitiv mein hart erarbeitetes Geld ausgeben würde: Reißfeste, blickdichte, schwarze Müllsäcke mit 120 Liter Fassungsvermögen.