Schreinermeister Pedersen
Eines schönen Sommertages hackt Schreinermeister Pedersen in seinem Vorgarten nebenan herum. Seit 12 Jahren ist er mein Nachbar. Stets schlecht gelaunt steht er der Welt gegenüber. Seine Mundwinkel und Augenbrauen sind immer nach unten gezogen - Ebenezer Scrooge wäre neidisch. Jedoch stellte ich irgendwann fest, dass diese nicht aus purer Aggression oder Anstrengung so hängen, sondern wohl eher aus reiner Ermüdung ihn so griesgrämig erscheinen lassen. Wahrscheinlich, weil er sowieso alles hasst und seine Mimik sich über die Jahre nun so manifestiert hat. Vermutlich ist ihm, wie auch seinem Gesicht, alles egal, da er schon lange Lust, Liebe und Glück im Leben vermisst.
Einmal, so wage ich mich zu erinnern, stand ich als 10-Jähriger an seinem Gartenzaun und beobachtete, wie er voller Gewalt seinen Busch mit der Heckenschere bearbeitete. Eher schlug er die Äste kaputt, als dass er sie wirklich schnitt. So viel Zorn hatte ich das letzte Mal bei meinem Bruder gesehen, als dieser von Oma Ingeborg einen selbstgestrickten Pferdepullover zu Weihnachten bekam. Selbst mit meinen jungen Jahren fragte ich mich, was ihn denn bloß so wütend machte. War es das schlechte Wetter? War es sein Job als Schreinermeister? War es seine fehlende Frau, die ihm abends Essen macht? Ich weiß es bis heute nicht. Jetzt, da ich ihn so aus meinem Fenster beobachte, fällt mir auf, dass sich seitdem wenig getan hat. Er kniet in seinem Beet und drischt mit voller Kraft auf das Unkraut ein, als würde er versuchen, Mutter Erde umzubringen. Wieder einmal bringt mich das ins Grübeln: Was ist bloß mit diesem Mann los? Auf dem Bleistift kauend überkommt mich eine Idee. 22 Jahre bin ich jetzt, warum frag ich diesen alten Bock nicht selber? Was soll schon passieren?
Also schnell Schuhe angezogen und raus in den Garten. Schritt für Schritt nähere ich mich dem wilden Ungetüm. Keine Sekunde lasse ich ihn aus den Augen, was mir sehr wichtig erscheint, da ich anscheinend zu viele Safari-Dokus gesehen habe. Er schnauft und keucht und hämmert mit seiner Hacke auf den Boden. Jeder Schlag trifft den Boden wie ein gewaltiger Blitzschlag und lässt die Erde nur so durch die Luft fliegen. Kreuz und Quer liegen Grasbüschel, Ameisen flüchten panisch aus ihrem Bau, zerteilte Regenwürmer liegen Hilfe schreiend überall um ihn herum. Ein Massaker. Alles angerichtet von diesem ungezähmten wilden Biest. Jemand muss ihn bändigen. Ich werde ihn bändigen.
Ich lege meine Arme auf den zu seinem Grundstück angrenzenden Zaun. In seinem Wahn bekommt er nicht mal mit, dass ich nur ca. drei Meter von ihm entfernt stehe. „Herr Pedersen?” frage ich vorsichtig. Keine Antwort, nur das monotone Hacken. „HERR Pedersen” schreie ich diesmal. Nicht provokant, eher respektvoll, wie im Gerichtssaal. Diesmal bleibt seine Hacke im Boden stecken, während von Schreinermeister Pedersen nur ein langgezogenes Grunzen kommt. Langsam, ganz langsam, beginnt er hochzuschauen, wohl noch nicht ahnend, was genau ihn aus seinem Prügel-Rhythmus bringt. Mit jedem Zentimeter, den er seinen Kopf bewegt, fängt er mehr an zu zittern. Seine Pulsschlagader am Hals vibriert und versetzt ihm kleine Schläge, sodass er aussieht wie ein einweisungsreifer Psychopath. Mein Gott, ich habe diesen irren, brutalen Keiler geweckt! Der reißt mich in Stücke, frisst mich bei lebendigem Leib, zerstückelt mich und bastelt daraus Halsketten!
Seine roten, wütenden Augen starren nun voller Zorn in meine fast schon durchnässten Glubscher. „W…..Was machen sie da Herr Pedersen?!“. Sabber läuft an seinen gelben Reißzähnen herunter, seine Nase schnaubt bedrohlich und er sieht aus, als würde er gleich losstürmen, um mit seinen Klauen seine Beute fürs Abendessen zu reißen. „ICH HACKE!” schreit er mich an. Ich stehe da, etwas zitternd den Gartenzaun umklammernd und weiche wie ein kleines Rehkitz ein paar Schritte zurück. „Ach so, ich habe mich nur…..ähm..…gewundert”, entgegne ich ihm. Etwas verwirrt schaut er mich an, bis sein Blick wieder Richtung Erde wandert, er die Hacke umklammert und damit fortfährt, auf den hilflosen Boden einzuprügeln. Etwas frustriert, aber immer noch verängstigt, gehe ich zurück zur Haustür. Schreinermeister Pedersen ist ein Wahnsinniger, anders kann man sich das nicht erklären.