Schritte

28. Nov. 2025 Philip Demole Lortz 3 Min. Lesezeit

Ich gehe. Ich laufe. Einen Fuß setze ich vor den anderen. Links und rechts und rechts und links. Die Hacke setzt auf, über die Fußsohle, zum Ballen, bis sich die einzelnen Zehen tief in die trockene Erde graben. Das Abrollen des Fußes befriedigt mich in seiner immerwährenden Monotonie. Eine Routine, die mich in ihrem rituellen Ablauf gefangen hält und mich schon lange vergessen lässt, wieso ich laufe. Heute laufe ich schon seit einer Ewigkeit, doch heute ist gestern und gestern ist vorgestern und vorgestern ist alle Tage, die ich kenne.

Meine Augen waren schon lange nicht mehr geöffnet. In der universellen, lähmenden Angst, das zu sehen, wo ich jetzt gerade bin. Zu sehen, was vor mir liegt. Das Ziel? Wie sähe es aus? Die Unvorstellbarkeit hält meine Augen geschlossen und nur der bloße Gedanke daran bringt mich aus meinem schamanischen Schrittablauf, was mich kurzzeitig so fühlen lässt, als hätte ich verlernt korrekt zu gehen.

Und so kommt es, wie der Zufall in solchen Situationen mit eigentlich zu garantierter Sicherheit zu kommen scheint: Ich trete auf einen Stein. Ich stoppe. Es ist nicht der Schmerz, der mich zum Stehen bringt, nicht die Ungewöhnlichkeit, dass ich auf einen Stein trete, denn schließlich bin ich auf so viele Steine getreten und es wäre nicht verwunderlich, wenn ich schon auf alle Steine dieser Welt trat. Es ist die Form, die mich verwundert. Langsam ertaste ich mit meinen Zehen diese für mich völlig neuartige Gestalt. Rundlich, mit zärtlicher Maserung. Und, was mich viel mehr erstaunen lässt, fühlt er sich in abstruser Weise lebendig an. Gleichzeitig ist es doch auch nur ein Stein. So geschieht es, dass ich mich seit der Unendlichkeit meiner Reise mal wieder auf meine Knie begebe, die ächzen und krächzen und knarschen mit jedem Grad, den ich mich näher zum Boden bewege. Schwerfällig krache ich die letzten Zentimeter herab. Meine zittrigen Hände ertasten den Stein. Doch auch meine eingerosteten Finger erlauben es mir nicht zu erkennen, um was für ein besonderes Etwas es sich handelt. Was habe ich hier also vor mir, das mich aus meinem Ritual, meinem stetigen, unnachlässigem Schritt unbarmherzig herausgerissen hat?

Ich denke nach. Stille. Mein schweres Atmen bestimmt den Takt meiner explodierenden Gedanken. Sollte ich meine Augen öffnen, um ausmachen, um welche Besonderheit es sich hier handelt? Ich halte den Stein, das Ding, ganz nah an meine zusammengekniffenen Augen und blinzle so gering wie es mir nur möglich ist. Mit meinen Fingerkuppen fahre ich über die Maserung, welche ich ebenso mit meinen überforderten Augen ausmachen kann und bin mir nach wenigen Sekunden halbwegs sicher. Es ist ein Fossil. Aber nicht irgendein Fossil, sondern ein Tier. Ein totes, versteinertes Tier. Trotzdem vermag ich nicht zu erahnen, welches es ist. Vielleicht eine Schnecke? Eine alte, sehr alte, müde, langsame Schnecke, die Jahrtausende, ja Jahrmillionen Jahre hier womöglich lag und darauf wartete und wartete, wie diese langsamen Schnecken es ja tun, mich aus meinem unermüdlichen Schritt zu bringen. Mich dazu zu bringen, nicht nur aufzuhören weiterzugehen, sondern mich auch hinzulegen, meine Hände in die Erde zu graben und wie ein Blinder versuchen, die Gestalt auszumachen. Und viel schlimmer noch, mich dazu bringt, meine Augen zu öffnen. Meine Augen, die so lange verschlossen blieben und solange mich meine Beine trugen, nie geöffnet waren.

Voller Zorn presse ich das Fossil in meiner Hand und schleuder es mit einem lauten Schrei so weit weg, wie mir irdisch nur irgendwie möglich ist. Ich sacke erschöpft zusammen. Meine Füße, meine Knie, meine Hände, meine Augen… meine Routine. Mein ewig währendes Ritual. Alles dahin. Alles vorbei. Seitlich liegend öffne ich schwerfällig die Augen. Es ist hell. Gleißende Strahlen durchdringen mich ebenso wie extreme Hitze, die alles in ihrer Gewalt verschlingt. Jeder Atemzug ist Feuer, jede Wahrnehmung unendlich. Ich starre in den Abgrund des immergleichen, erbarmungslosen und unnachgeblichen Lichts und zerschmelze in der Herrlichkeit des sich niemals ändernden Glanz.