Shockwave, der Erste
Krampfhaft kneife ich meine Augen zusammen, doch egal wie ich es drehe und wende, egal wie nah dran oder entfernt ich bin, die bittere Wahrheit bleibt immer die gleiche: Ich brauche eine neue Glotze. Mindestens 55 Zoll muss die Kiste haben. Vielleicht sogar mehr, vielleicht sogar 60 Zoll, wer weiß. Ähnliche Diagonale wie meine Augen, als sie beim morgendlichen Zeitungsstöbern das heiße Angebot im brandneuen Prospekt des lokalen Elektrofachmarktes sehen. Dolby Vision IQ & Atmos, Airplay 2, native 144 Hertz, selbstverständlich 4k und mindestens 3000 Nits auf ca. 140 cm und das alles für sagenhafte 599 €. Das ist phä-no-me-nal. Unfassbar. Ein Angebot des Jahrzehnts und ich habe die Blütezeit der ersten Aldi-PCs mitbekommen. Aus damaliger Erfahrung ist mir allerdings bewusst, wie schnell man bei solchen Sonderschnäppchen sein muss. Schnell zu sein reicht schon gar nicht mehr, man muss schneller sein als der Rest. Der Allerschnellste! Der Erste!
Wie ein höriger Soldat springe ich am nächsten Morgen aus den Federn und glotze ernüchternd in den trostlos leeren Kühlschrank. So wird das aber nichts mit einem ausgewogenen Frühstück, der bekanntlich wichtigsten Mahlzeit am Tag, und heute wäre einer dieser speziellen Tage, an dem ich die bedeutendste Stärkung für meinen späteren Einsatz am dringendsten benötigte. In der hinterletzten Ecke entdecke ich eingelegte Soleier, die mir meine Omi vor einiger Zeit mitgab. Wie lange sie die wohl schon hatte? Ich grüble, während ich das Einmachglas gegen das Sonnenlicht halte, es nach links und rechts drehe und ein wenig schwenke, sodass die Eier darin wie kleine Bojen in stürmischer See hin- und herschlingern. Eier sind nahrhaft, viele Proteine. So gesehen genau das, was ich jetzt essen sollte. Ich stecke mir ein Ei für den Weg ein, schaufle mir vier von den Dingern direkt rein, dazu eine Scheibe Toast mit ein wenig Butter, sogar Markenbutter, spüle die halbzerkaute Kriegernahrung mit einem ordentlichen Schluck Kaffee herunter und laufe schnurstracks aus der Wohnung zur nächsten Busstation.
Nachts muss es wohl geregnet haben, denn es ist ein diesiger Morgen und es sammeln sich kleine Pfützen am Wegesrand. Regen ist bei solchen Aktivitäten immer ein schlechtes Omen, aber mich betrifft es Gott sei Dank nicht direkt, sondern nur den Busfahrer, für den es mit seiner jahrelangen Buserfahrung sicherlich keine große Herausforderung darstellen wird. Es regnet ja nicht zum ersten Mal!
In der Ferne muss ich allerdings fassungslos mit ansehen, wie der Busfahrer in seiner hochgezüchteten PS-Kutsche wie Schumi um die Kurve driftet. Eine gewisse Panik macht sich in mir breit, schließlich kommt der nächste Bus erst 20 Minuten später und das wäre schon weit nach Ladenöffnung. „Den bekomme ich doch niemals”, denke ich mir, als ich lossprinte. Und ich würde ihn gewiss niemals bekommen, müsste der Bus nicht an der roten Ampel stehen bleiben, deren Rotphase gefühlt sehr viel länger dauert als sonst. Vielleicht ist es auch nur Einbildung. Zumindest weiß die Ampel, dass ich heute Großes vorhabe.
Ich hätte erwartet, dass der Mittfünfziger Busfahrer, der seine Cap wie ein frecher Bengel falsch herum trägt, sehr viel grimmiger sein würde, wenn ich den Bus betrete, aber dann fällt mir ein, dass er gar nicht auf mich gewartet hat, sondern die Ampel ihm den Strich durch die Rechnung gemacht hat. Diese Gewissheit beruhigt mich. Der Schweiß, der entweder durch die Panik oder durch das Rennen verursacht wurde, nimmt ab und ich dampfe leicht wie ein abkühlender Motor. Durch die beschlagenen Scheiben sehe ich die verschwommenen roten Bremslichter der vielen Autos, die wie Blut durch die Venen der Stadt fließen. Auch grüne und gelbe und orange Farben brechen ihren Weg durch die Doppelverglasung der Scheibe und hypnotisieren mich in ihrer kaleidoskopischen Wirkung. Ich zoome raus. Mein Gott, wir stehen! Stau! Wir bewegen uns seit gefühlten Ewigkeiten kein bisschen! Wegen der blöden Lichter mit ihrem mysteriösen Farbenspiel komme ich noch zu spät.
„Entschuldigung, könnte ich vielleicht hier aussteigen?”, frage ich den Busfahrer vorsichtig. Sein Blick bleibt starr auf den Stau gerichtet, als könnte sich jeden Moment eine komplett freie Autobahn wurmlochartig vor dem Bus auftun. „Nope”, antwortet er trocken. „Aber ich habe einen wichtigen Termin!” – „Oh, liegt etwa Ihre Mutter im Sterben?” – „Ähh, nein?”, entgegne ich fragend. „Dann: Nope”, und sein Blick bleibt weiterhin auf die Straße gerichtet. „Ok, also nicht meine Mutter liegt im Sterben, sondern mein Vater! Genau, Papa! Der liegt im Sterben.”, versuche ich ihn zu überzeugen, doch er pustet nur sein Kaugummi auf und lässt die Blase platzen, sodass sich die Reste über seinen Schnauzer verteilen und er sie genüsslich mit der Zunge einfängt und damit fortfährt, wie ein Kamel darauf rumzukauen.
Im Führerstand mahnt mich die Uhrzeit von 07:47, dass ich jetzt ganz schnell aus diesem Bus raus muss und ich schaue mich in meinem eisernen Gefängnis um und male mir aus, mit welcher wahnsinnigen Teufelsaktion ich hier ausbrechen könnte und erblicke den Notfallhammer und stelle mir vor, wie ich ihn abreiße, doch der Alarm springt an und gerade als ich die nächstgelegene Fensterscheibe einschlagen will, packt der Busfahrer meinen Arm und wir kämpfen um den Notfallhammer und ich stoße ihn weg und ziehe ihm mit einem kräftigen Schlag das Ding über die Schläfe und der Busfahrer kippt mit offener Birne blutspritzend zur Seite und eine Frau schreit lauthals und ich fauche sie blutüberströmt wie ein Vampir an und flüchte schnellstmöglich aus dem Bus. So würde das ablaufen, der Notfallhammer ist also keine Option.
Dann schaue ich auf die vielen Knöpfe, die der Busfahrer vor sich hat und studiere sie ein wenig. Als ich mir sicher bin, welcher der Knopf für die vordere Tür ist, warte ich kurz einen passenden Moment ab und hämmere dann energisch darauf, sodass die Tür aufspringt, doch der Busfahrer betätigt sofort wieder den Knopf, um die Tür zu schließen, aber da bin ich schon so gut wie draußen. „Bleib stehen! Bleib stehen, verdammt!”, schreit er mir hinterher, während ein Arm ihn in der geschlossenen Tür gefangen hält und wie einen Zombie erscheinen lässt, der unbedingt mein Fleisch kosten möchte.
So laufe ich los und diesmal bin ich mir sicher, dass der Schweiß von der Panik und dem Rennen kommt, da momentan sicherlich die doppelte Menge an Ausdünstungen meinen Körper herunterläuft. Der Saft der Erschöpfung fließt mir sogar in die Augen und es fällt mir schwer, die brennenden Glubscher offenzuhalten, was allerdings in Anbetracht der Tatsache, dass ich den Weg auswendig gelernt habe und es eigentlich kein schwieriger Weg ist, da es der einzige Elektrofachmarkt in unserer Kleinstadt ist, nicht so schlimm erscheint. So irre ich mit halb geschlossenen Augen durch die Straßen, remple hier und da ein Plakat an, streife ein paar Büsche, aber im Grunde halten mich nur, jedenfalls manchmal, rote Ampeln auf.
In einiger Entfernung wage ich den Markt zu erkennen, nun kann mich nichts mehr aufhalten. Nur eine letzte Ampel, die den Verkehr der großen, mehrspurigen Straße unterbricht. Voller Erstaunen muss ich feststellen, dass die Türen des Elektrofachmarktes schon weit offen stehen. Wie viele Minuten bin ich zu spät? Gott, die Fernseher sind doch alle schon vergriffen! Bei dem Preis! Und jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass der aktuelle Schweißausbruch sicherlich wieder der Panik zugeschrieben werden kann. Der Verzweiflung. Der Angst, dass ich ohne Fernseher nach Hause muss und mich mit dem mickrigen Bild meiner aktuellen Schrotzkiste zufriedengeben muss und dann, vielleicht Wochen, vielleicht Monate, ja, vielleicht sogar Jahre, abwarten muss, um so ein Angebot, diesen Preis-Leistungs-Hammer, nochmal zu bekommen. Und diese Jahre werden geplagt sein von ewiger Verzweiflung und Was-wäre-wenn-Gedanken. Wieso bin ich nicht gleich zu Fuß gegangen? Mal wieder zu bequem gewesen, alter Mann! Und während diese Gedanken durch meine Birne schießen, versuche ich meine Augen abermals so zusammenzukneifen, dass das Bild schärfer wird und ich aus meiner Couchentfernung doch alles in HD erkennen kann, aber es wird einfach nichts und Tränen schießen in meine Augen und verschwimmen das Bild noch mehr, bis ich irgendwann voller Wut die Fernbedienung nehme und sie in den scheiß Bildschirm pfeffere und der Fernseher endlich kaputt ist und ich gezwungen bin, einen neuen Fernseher zu kaufen, dessen Preis-Leistungs-Gefühl mich aber bei weitem nicht so befriedigt wie das jetzige Angebot und immer, wenn ich fernsehe, daran erinnert werde, wie alles hätte anders laufen können und ich nun wieder darauf warten muss, dass dieser Fernseher ebenso den Geist aufgibt und mich hoffentlich irgendwann ein genauso tolles Angebot wie jetzt aus dem Prospekt anlächelt. Nein, das kann ich nicht geschehen lassen. Ich werde alles für diesen Fernseher tun. Nur noch die letzte Rotphase abwarten, da die zwei Straßen bei dem Verkehr wirklich nicht zu überqueren sind.
Ein Quietschen neben mir lässt mich aus meiner Trance erwachen und ich verliere den festen Blick, der so eisern auf die Markttüren gerichtet war. Eine alte Oma steht mit ihrem schwarz glänzenden Rollator neben mir und hat ebenso fest die Markttüren auf der anderen Straßenseite im Blick. Ich schaue an ihr herunter und erstarre. In ihrer Manteltasche ist der aktuelle Prospekt klar zu erkennen, aufgeschlagen auf Seite drei, der Seite, auf der der Fernseher beworben wird. Ihren Rollator musternd, zittern sich meine Augen an ihr hoch. Sie schaut mich aus dem Augenwinkel kurz an und schnauft leise. Ich verstehe. Sie oder ich. Oma will es wissen. Jetzt reicht es mir, jetzt reicht es komplett. Ich lasse mir doch nicht von so einem alten Klappergestell die Butter vom Brot klauen! Oma kramt in ihrem Korb herum und holt zwei Racing-Handschuhe heraus, die sie sich überzieht und das Leder knatscht und ich bin beeindruckt, aber signalisiere durch eindrückliches Fingerknacken, dass ich ebenso bereit bin.
Dann springt die Fußgängerampel auf Grün und die Reifen vom Rollator drehen quietschend durch, sodass Schmauchspuren entstehen. Ein Geruch von verbranntem Gummi überzieht den Startbereich, der mich aber eher motiviert, sodass ich direkt ein wenig vor ihr liege. Doch Oma schaltet einen Gang hoch, sie wird schneller und schneller und der 1000-PS-Rollator zieht sie nur noch hinter sich her, sodass sie wie Kleidung im Wind hinter ihm herflattert. Ich muss schnell etwas unternehmen, sonst kann ich den Fernseher vergessen!
Da fällt mir ein, dass ich noch das Solei in meiner Jackentasche habe, also hole ich es heraus und stopfe es im Laufen in mich rein und ich spüre, wie es meinen Körper durchdringt und nie dagewesene Kräfte freischaltet. Dieses alte, eingelegte Solei wandert in Richtung Hintern, wo es rumort und kracht und dieses Wunderding dafür sorgt, dass alle aufgestauten Fürze der letzten Jahre katalysiert werden, sodass meine Arschbacken sich aufblähen und ein ultimativer Megafurz sich lautstark den Weg nach draußen bahnt. Flammen schlagen aus meinem Gesäß und der Afterburner beschleunigt mich extrem, sodass ich an der flatternden Oma vorbeizische und sie mich nur mit großen Augen und offenem, flatterndem Mund anschaut und nichts dagegen tun kann, dass ich neben ihr mit meinem gewaltigen Arsch-Afterburner die Schallmauer durchbreche. Dampf schießt aus Ohren und Nase aufgrund der gewaltigen Energie, die dort in mir freigesetzt wird und ich stelle entsetzt fest, dass ich die Büchse der Pandora geöffnet habe, denn ich habe keine Ahnung, wie ich jetzt bremsen soll. Diese Feststellung bringt mich ins Schlingern, ich verliere den Grip und die absolute Kontrolle über mich selbst und rase mit einem lauten Knall gegen einen Laternenpfeiler, keine 20 Meter vom Elektrofachmarkt entfernt.
Die Oma zieht schrill lachend an mir vorbei und ich muss unter Tränen mit ansehen, wie sie ihr Geschoss sicher in den Markt fährt. Verdammt! Verdammt, verdammt, verdammt! Sie hat gewonnen und ich verloren. Die Gedanken vom verpassten Angebot zischen wieder durch meinen Kopf und ich übergebe mich. War es das also? All das für nichts und wieder nichts? Entschlossen wische ich mir über den Mund und raffe mich auf. Nein, nein, das kann es nicht gewesen sein. Ich stehe auf wie ein Soldat, dessen letzte Schlacht noch nicht geschlagen ist und gehe festentschlossen Richtung Markt, werde schneller und schneller, stoße die Türen wie in einem Saloon energisch auf und sehe die alte Oma mit dem Fachhändler bereits am Tratschen. „STOPP!”, schreie ich durch den Markt, „SIE KRIEGT IHN NICHT!“. Der Händler schaut mich verdutzt an und ich marschiere wie ein Wildgewordener zu den beiden. „SIE DARF IHN NICHT BEKOMMEN!” füge ich mit weit aufgerissenen Augen hinzu. „Ähm, können Sie mir auch erklären, warum diese alte Dame ihr elektrisches Fußbad nicht bekommen soll?”, entgegnet mir der Fachhändler. „F-Fußbad?”, frage ich zitternd. „Ja, Fußbad”. Ich schaue die Oma an, die mittlerweile viel kleiner, lieber und zärtlicher aussieht, als noch eben an der Ampel. „Ich hab Hühneraugen”, sagt sie in einer krächzenden Stimme. „Und der Fernseher? Was ist denn jetzt mit dem Fernseher? Ist er weg?”, frage ich die beiden. Der Fachhändler schaut mich irritiert an: „Welchen Fernseher meinen Sie denn? Wir haben hier einige”, sagt er lachend, während er mit einer Armbewegung die zig Fernseher im Laden präsentiert. „Na den aus dem neuen Prospekt, das super Angebot!”, schieße ich schnell hinterher. „Ah, ach so, die sind noch alle da und stehen dahinten”, und zeigt in eine Ecke, wo bestimmt zehn Kisten davon stehen. „Alle … da?”, frage ich zitternd, als könne ich es gar nicht glauben. „Ja, alle da, wir haben schließlich erst seit vier Minuten geöffnet”, wiederholt der Händler.
Ich wende mich ab und gehe langsam zu den heiligen Fernsehern, deren gleißend helle Aura mich alles andere vergessen lässt. Mein ganzer Körper zittert und Freudentränen schießen in meine Augen. Ich habe es geschafft. Erster, wie immer.